falsche Bescheidenheit ablegen

Darf ich das? Warum falsche Bescheidenheit depressiv macht

Bei Barcamps oder Open Space Konferenzen gibt es das Gesetz der zwei Füße. Geht das Interesse an der Diskussion verloren, kann man die Gruppe einfach verlassen und zur nächsten wandern – oder sich bei einer Kaffeepause einfach mit anderen Teilnehmenden austauschen. Dabei geht es um Freiheit und Selbstverantwortung. Da die Regeln zu Beginn explizit klargemacht werden, funktioniert das gut. Aber warum ist das ein Gesetz, dass extra für eine Veranstaltung aufgestellt werden muss?

Brauchen wir eine Erlaubnis, um aufzustehen, wenn wir das Gefühl haben, nichts zu lernen? Warum bleiben wir sonst in Vorträgen sitzen; nur um höflich zu sein und niemandem auf den Schlips oder die Schluppe zu treten? Dafür verschwenden wir dann lieber unsere wertvolle Lebenszeit.

Einfach aufstehen und gehen

Mich hält heute nichts mehr auf meinem Stuhl und ich kann es nur jedem beziehungsweise jeder empfehlen, auch mal unverschämt oder unhöflich zu sein und sich etwas rauszunehmen. Denn es steht uns allen zu und kann unerwartete Potenziale entfalten und Türen öffnen.

Ich hatte einen Urlaub gebucht – Mallorca. Lange gespart, lange drauf gefreut, hohe Erwartungen. Und dann kam die Enttäuschung: schlimme Touri-Ecke, schlechtes Wetter, kein schönes Hotel. Zwei Wochen wollten wir eigentlich bleiben. Nach ein paar Tagen die Frage: Sollen wir einfach wieder nach Hause fliegen? Dürfen wir das? Können wir das einfach machen? Klar, warum sich zwei Wochen quälen, nur weil es so geplant und die Vorfreude groß war. Wir haben die Koffer wieder gepackt und am Ende für die Umbuchung sogar noch 100 Euro draufzahlen müssen.

Just do it – Mach‘ was du willst

Da kann man sich natürlich ärgern. Muss man aber nicht. Kaum waren wir wieder zu Hause, hatte ich ein Jobangebot für ein Projekt, nachdem ich das Urlaubsgeld dreimal wieder drin hatte. Wären wir auf Mallorca geblieben, ich hätte den Job nicht machen können. Das war natürlich nicht unbedingt kosmische Fügung. Ich will hier jetzt nicht esoterisch werden. Diese Geschichte aus meinem eigenen Leben soll nur zeigen, dass es sich lohnen kann, einfach mal unverschämt das zu tun, wonach einem ist.

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr

Das soll kein Aufruf dazu sein, die Ellbogen auszufahren und nur noch auf sich zu schauen, aber ich will zeigen, dass beide Verhaltensweisen – Rücksichtslosigkeit und Bescheidenheit – ihren Preis haben. Manchmal einen sehr hohen.

Bescheidenheit kommt von „sich bescheiden“, das heißt „sich zurücknehmen“, „sich begnügen. Bescheidenheit gilt in unserer Gesellschaft noch immer als Tugend. Vor allem für Frauen gilt:

Sei wie das Veilchen im Moose und nicht die stolze Rose. Mach’ dich nicht wichtig. Stell’ dich nicht über andere. Prahle nicht mit deinem Erfolg. Männern wird ein solches Verhalten eher nachgesehen.

Wer mit Bescheidenheit glänzt, gilt als einsichtsvoll, besonnen und verständig, einfach sympathisch. Aber falsche Bescheidenheit kann auch die Karriere und den Einfluss, den man in einer Gruppe oder auf die Gesellschaft ausübt, hemmen. Außerdem, und das ist die schlimmste Konsequenz, beschränken wir uns dadurch selbst.

Diese verdammte Angst vor Größe

Neben den Glaubenssätzen, die wir in uns tragen, die uns sagen „da wo ich herkomme, gibt es sowas nicht…wird man sowas nicht…gab es das noch nie“ und der gesamtgesellschaftlichen Erziehung in diese Richtung, liegt Bescheidenheit oft auch Unsicherheit oder Angst zugrunde. Ich kenne viele, die tausend Abschlüsse haben und noch immer denken, sie seien für diesen oder jenen Job nicht qualifiziert genug. Die Großartiges leisten, es aber für selbstverständlich halten und ihre eigenen Fähigkeiten überhaupt nicht sehen. Gerade Frauen meistern in ihrem Alltag so viel und organisieren neben ihrem Job oft das ganze Familienleben. Gerade die, die am hellsten leuchten, leuchten meistens im Keller. Dort, wo es niemand sieht. Diese Selbstbeschränkung gibt auch Sicherheit. Wer sich mit seinem Potenzial nicht aus der Komfortzone oder dem Komfortkeller raus wagt, läuft nicht Gefahr zu scheitern. Die tiefste Angst haben wir aber nicht vor dem Scheitern, sondern vor unserer eigenen Größe.

Ein Zitat von Marianne Williamson, das immer wieder Nelson Mandela – einem Mann – in den Mund gelegt wird, formuliert das so schön:

„Unsere größte Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind.
Unsere größte Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht.
Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?
Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen?
Wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.“

Alles Ausreden

Also, nicht immer kleinmachen, damit andere sich nicht schlecht fühlen, sondern sich großmachen, damit andere sich auch trauen, von ihren Erfolgen und Talenten zu berichten und auch mal vermeintlich unverschämte Forderungen zu stellen.

Ich arbeite immer wieder mit Unternehmerinnen, die zuerst an ihre Angestellten denken, rücksichtsvoll auf alle Urlaubswünsche eingehen und nur nehmen, was vielleicht übrigbleibt. Die sich nach allem, was sie geleistet haben, unverschämt finden, wenn sie sich auch mal etwas rausnehmen. Das gilt oft ebenso für Beziehungen. Außerdem werden immer wieder Ausreden vorgeschoben: Dafür ist es jetzt zu spät, das hätte ich machen sollen als ich noch jung war, ich bin zu alt, um wählerisch zu sein, die Chance habe ich jetzt verpasst, das lerne ich jetzt nicht mehr, dafür habe ich keine Zeit, kein Talent…Ich könnte noch hunderte Ausreden aufzählen, die ich ständig höre. Dabei ist es nie zu spät, das Leben zu führen, das einen glücklich macht.

Typisch deutsch?

Darf ich das? – Ich würde sagen, eine typisch deutsche Frage. Bei allem, was genial ist, wird mit vorauseilendem Gehorsam erst einmal gefragt, ob das erlaubt ist? Wie die Gesetzgebung ist, ob es dafür nicht Zertifikate, einer Ausbildung oder zumindest Grundkriterien bedarf. Was auf dem Papier steht ist wichtiger als das, was vor einem steht. Daher auch diese unflexible Vorstellung, dass es für etwas ab einem bestimmten Punkt zu spät ist.

Ich stelle Menschen in meinem Coaching häufig die Aufgabe, in ihren Wünschen einmal ganz unverschämt zu sein und dann stellt sich heraus, was davon doch noch möglich und gar nicht unrealistisch oder unverschämt ist, sondern nur falsche Bescheidenheit. Das gleiche gilt für Unternehmen. Auch sie sollte man nicht zu bescheiden planen und die oft unterbewusste Frage „Darf ich so erfolgreich sein?“ über Bord werfen.

Spiel, Spaß und Überraschung

Alles ist gleichzeitig möglich. Man muss nur sehen, was man dafür einsetzen muss. Und auch die Partner kommen damit nach einer kurzen Anpassungsphase meistens klar.

Die Alternative ist nämlich schlimmer: Wer zu bescheiden ist, fährt sein Potenzial nicht voll aus. Das führt zur Unterforderung. Und wie ein Porsche, der kaputtgeht, wenn er nie ausgefahren wird, sondern nur durch 30er Zonen tuckert, führt auch unsere Selbstbegrenzung dazu, dass wir entweder aggressiv oder depressiv werden. Frauen werden eher depressiv.

Also präventiv einfach mal ganz unverschämt das Leben genießen!

Ihre

 

 

 

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Edition F.

 

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